top of page
Search
  • Writer's pictureDan Apus Monoceros

Rückblick '22 & Ausblick ‘23

2022 war ein sehr spezielles Jahr. Der Lockdown ging zu Ende, langsam ist wieder ein soziales Leben entstanden, es gab aber auch neue Herausforderungen und Probleme, wie zum Beispiel der Lockdown im asiatischen Raum, der Krieg in Europa oder die Inflation und die steigenden Energiepreise mit denen wir zu kämpfen haben und die unser letztes Jahr beeinflusst haben. Hinzu kommen ein paar Trends, die weiter vorangekommen sind, bzw. die nun auch in der kinky Welt eingezogen sind.


Ich habe mit einigen Kollegen geredet, die selbst in der gay und BDSM Szene aktiv sind und dort Podcast, Blogs oder Events machen. Ich habe gefragt, was sie als Trends in 2022 wahrgenommen haben und was sie für 2023 erwarten.


Hier ein paar Ergebnisse zusammengefasst!


  1. Alte, neue Spontanität bei den Gästen

  2. Private Events?

  3. Puppys überall

  4. Die Gearheads kommen

  5. Toy Markt im Wandel - Aus Privat wird Professionell

  6. Kink in den Medien und der Gesellschaft

  7. Kink als Kunst

  8. Intellektuelle Kink-Elite

  9. Professionalisierung von Sex und Kink Education

  10. Back to the basics

  11. Negative Tendenzen und Rückschritt


Über den Autor, Dan Apus Monoceros:

Ich bin Coach für Nicht-Monogame-Beziehungen und Kinks, arbeite als Bondage Trainer und Rope Artist und mache die Events des www.gay-BDSM.clubs. Ich beschäftige mich also täglich und professionell mit der queeren Kink-Welt und beobachte daher auch, was sich hier entwickelt. Dies bedeutet aber nicht, dass ich dies als Außenstehender tun kann oder eine objektive Meinung habe, selbst wenn ich dies versuche. Ich versuche mich daher auch mit anderen abzugleichen und die hier aufgestellten Trends mit konkreten Erfahrungen zu unterfüttern, wobei ich eben nur einen sehr subjektiven Ausschnitt hierbei beobachte. Dies kann dazu führen, dass sich manche Dinge für dich als Leser komplett anders darstellen oder gar falsch anfühlen. Denn auch du hast nur eine Ausschnitt vor Augen. Dennoch wünsche ich dir viel viel Spaß mit den Beobachtungen, die andere kink-Schaffende und ich im letzten Jahr gemacht haben und wie wir vermuten, wie sich die Industrie und die Szene entwickeln wird.


Alte, neu Spontanität bei den Gästen

Nachdem die Lockdowns im letzten Jahr um waren, waren die Gäste nicht zu bremsen. Wir waren regelmäßig ausverkauft und die Gäste haben sich brav ihre Tickets besorgt. Dann kam der Moment, wo wir trotz vieler Ticketverkäufe wenig physische Gäste vor Ort hatten. Die Gäste hatten plötzlich wieder zu viele Angebote zur Auswahl und viel wurde nachgeholt. In Folge gingen die Ticket-Vorverkäufe runter, die Gäste kamen aber dennoch. Teilweise sogar so viele, dass wir Einlassstopp hatten und nur jene mit Ticket einlassen konnten. Bei anderen war es ähnlich oder aber so, dass sie wegen zu wenig Ticket-Vorverkaufs ihre Events absagen mussten (ob dann mehr gekommen wären, wissen wir aber nicht). Das bedeutet, dass wir als Veranstalter wieder zurück zu unserer alten Denkweise müssen, wo sich die Gäste nicht ankündigen, sondern einfach spontan vorbeischauen. Und ich denke, dass sich dies in 2023 weiter eher zu mehr Spontanität hin entwickeln wird und dass Veranstalter und Gäste spontan bleiben müssen.


Private Events nehmen zu?

Die kinky Szenen, egal welcher Stadt, haben immer mit privaten Events den stärksten Wettbewerb und Corona hat Privatpartys ja geradezu salonfähig gemacht. Dort trifft man häufig mit dem eigenen Freundeskreis zusammen, kann meist günstiger feiern und öffentlich Dinge tun, die man auf öffentlichen Events hingegen nicht öffentlich tun sollte, wenn man nicht rausfliegen will.


Tatsächlich ist diese Entwicklung aber nur bedingt eingetroffen. Zumindest in Berlin wollen die Menschen auch öffentliche Partys besuchen und so neue Menschen kennenlernen. Das mag an den Möglichkeiten und der dennoch irgendwie privat gemütlichen Atmosphäre liegen, am Kontakt zu fremden Menschen und Touristen oder auch an der Ausgestaltung und den Sicherheitsvorkehrungen, die für solche Orte geschaffen werden. Zumindest kann ich für meine Partys feststellen, dass diese gewachsen und größer geworden sind. Einige andere Veranstalter haben dies jedoch anders bewertet.


Puppys überall

So könnte man es sagen. Gefühlt ist jeder, der auch nur ein bisschen kinky ist, mittlerweile ein Puppy. Der Zusammenhalt der Vergangenheit, dieses “wir sind die anderen” ist weg und viele Rudel, Grüppchen und Zusammenschlüsse zerfallen oder werden zu eher losen Verbindungen. Allein in Berlin weiß ich für 2023 von 5 verschiedene Anbietern für Puppy Events. 2019 war ich hier noch allein. Und damit meine ich nur Play, Dance und Social Partys. Die Stammtische und andere Freizeitaktivitäten sind hier nicht mit dazugezählt. Da die Puppys einander aber nicht mehr unterstützen, sondern häufig eher getrennte Wege gehen und auch in jedem anderen Club reinkommen, stellt sich natürlich die Frage, wie erfolgreich dies sein wird…


Die Gearheads kommen

Ich persönlich habe mich in die Gearheads verliebt. "Damals, als ich noch jung war…” (now you can call me Daddy ;) war es noch was besonderes, dass wir uns Cross-Cycling Gear kauften und so auf Partys waren. Heute würde ich da wohl weniger auffallen. Aber dafür fallen mir die Jungs in ihren Gears auf, die mittlerweile zu einer relevanten Größe geworden sind. So hatten wir nun zu Folsom auch ein Gearhead Fotoshooting und deutschlandweit haben sich schon längst Gear Partys etabliert. Für mich definitiv der richtige Zeitpunkt, um meine SMash! Party wieder aufleben zu lassen: Gearheads, Puppys, Gummi und alle colorful Kinks. Nachdem sie 2020 wegen Corona eingestellt wurde und danach die Location leider nicht mehr bezahlbar war, wird sie 2023 nun wieder neu aufleben: colorful, crazy, kinky. Im sinberlin. Wünscht mir Glück :)


Toy Markt im Wandel? - Aus Privat wird Professionell

Neue Produktionswege und Materialien, die vor allem von privaten Tüftlern genutzt wurden, sind ein neuer Standard auf den kinky Messen geworden. Sie stammen häufig aus Deutschland oder dem nahen europäischen Ausland und die Hersteller sind selbst aktiv in der Szene unterwegs. Die Billigwaren aus dem fernen Ausland, die in den letzten Jahren den Toy Markt geradezu überflutet haben, findet man hingegen nur noch zu einem geringen Teil und scheinen Ladenhüter zu sein. So kommen viele Toys mittlerweile aus dem 3D Drucker und haben verschiedene Farben und andere Modifikationsmöglichkeiten. Sie sind zwar von Maßanfertigung noch weit entfernt, aber sind zumindest flexibler geworden. Virtual Reality Shows, die mit 3D Kameras aufgenommen werden, kann man als Kunstpornos anschauen und bieten Fetisch-Tanz-Performances. Künstlerischer und kreativer wurden auch Toys. Nicht nur Dildos oder andere Insertables gewinnen an Farbe, auch Paddels, Peitschen, Halsbänder, Fesseln und vieles mehr werden immer bunter und durch neue Materialien und Verfahren, wie Gussverfahren, ergänzt. Und selbst die Club-Wear hat die Nische verlassen. Dort wo man früher nur sündhaft teuer Selfmade kaufen konnte oder richtig (auch qualitativ) billig im Ausland, haben sich nun Marken etabliert, die eine ausreichende Qualität im mittleren Preissegment anbieten.


Die Reaktion der Messebesucher war super. Sicher wird sich nicht jedes Unternehmen durchsetzen, aber der aktuelle Erfolg spricht erstmal für sich!



Kink in den Medien und der Gesellschaft

Jahrelang war es für mich immer ein persönliches Anliegen, Kink als normal zu sehen. Auch wenn wir dort noch nicht angekommen sind, habe ich im letzten Jahren ein zunehmendes öffentliches Interesse am Thema gesehen, vor allem im TV und Online-Medien. Dies ist besonders auch deswegen zu erwähnen, da die Community Richtlinien großer sozialer Plattformen wie Facebook, Instagram und ähnlichen, häufig in die entgegengesetzte Richtung tendieren und diese Themen versuchen, an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Dabei war Deutschland in der Vergangenheit immer ein relativ liberales und offenes Land, das hier sehr offen und positiv an das Thema rangegangen ist. Erst die letzten Jahre hat hier einen stärkeren Rückgang deutlich gemacht, der wahrscheinlich durch eben das Social-Verbot der großen Plattformen befeuert wurde. Dies scheint die etablierte Medien-Industrie in Deutschland nun wohl als Chance zu sehen. Sie greift diese Themen auf und bietet somit Inhalte an, die von anderen Plattformen zensiert und verbannt werden.


Im letzten Jahr habe ich gleich bei mehreren Produktionen mitgemacht. Dort wo ich in der Vergangenheit nur bei kleinen Dokumentationen, zum Beispiel bei der Pure Produktion, angefragt wurde, erreichten mich 2022 auch immer mehr Produktionen von größeren (Online-)Sendern. Ein sehr schönes Ergebnis fand ich den Beitrag mit mir von “nicht erregen” von Joyn über den Puppy Market, den ich veranstalte. Vor allem deswegen, weil es eine ernsthafte Aufklärungsarbeit im unterhaltsamen Format war und nicht eine Art von Sensationslust, die man früher häufig miterleben musste. Ähnlich ging es einigen Kollegen und auch für das aktuelle Jahr habe ich bereits einige größere Anfragen am Laufen. Sofern denke ich, dass sich dieser Trend auch 2023 fortsetzen wird und es weitere hochwertige Formate geben wird.



Kink als Kunst

Nicht nur in den Medien wird Kink zunehmend zum Inhalt. Auch immer mehr Theater und Vernissagen bieten Produktionen und Ausstellungen, welche mit BDSM-Elementen arbeiten. Dies sind aber keine Szene Bühnen, die sich an kinky Menschen richten, sondern kleinere oder größere reguläre Bühnen, wo diese kinky Elemente als Gestaltungselemente verwendet werden. Dies baut Hemmnisse ab und erfordert von den Zuschauern auch das Aktive, sich damit auseinanderzusetzen.


So haben Besucher der neuen Nationalgalerie in Berlin zum Beispiel die Möglichkeit, sich in einem Ketten-Sling auszuruhen oder sich mit Handschellen für eine bestimmte Zeit zu fesseln. Künstler auf der Bühne erklären Konzepte wie Konsens und die Freiheit des Gefesselt Seins, der eigenen Wahl und dem Konzept, dominiert zu werden oder andere zu dominieren. Und auch für mich ergaben sich so in 2022 persönliche Highlights, wo ich zum Beispiel im Rahmen eines Fine Dining Events mit meiner Seilkunst auftreten konnte und auch schon fürs nächste Jahr wieder gebucht wurde. Auch hier sehe ich daher, dass sich dieser Trend fortsetzen wird.



Intellektuelle Kink-Elite - Kink als Identität?

Die Anzahl von kinky Angeboten, die auch einen intellektuellen Anspruch haben, nimmt zu. Bereits vor Corona haben wir mit der Teegesellschaft ein sehr erfolgreiches Format ins Leben gerufen, wo Lesungen, Shows, Talks und Ähnliches mit Fetisch, Kink und Sexpositivität in Verbindung gebracht wurden. Und damit lagen wir voll im Trend. Mittlerweile gibt es auch immer mehr Angebote, wie Lesungen, Talk-Runden oder (Kunst- und Doku-Filme schauen, genauso wie Galerien, die sich gezielt an die kinky Community richten. Dies spürt man auch bei Waren, wo wir auf Messen zunehmend Anbieter hochwertiger kinky Kunst, von Fotografie über Skulpturen bis zu virtuellen und realen Kunst-Performances finden. Kink verlässt somit den persönlichen Rahmen und wird mehr gesellschaftsfähig. Vielleicht ist dies auch ein Grund, weshalb es gerade in der jungen Kinky Szene auch zunehmend Stimmen gibt, die weniger sexuelle Veranstaltungen, aber mehr Kink wünschen. Ein paar einzelne Stimmen oder ein Trend? Wir beobachten es weiter :)



Professionalisierung von Sex und Kink Education

In der Vergangenheit galt beim Thema Kink-Education häufig, dass der Einäugige unter den Blinden bereits den Workshop leitete. Teilweise mit zwielichtiger Motivation wurden Kurse gratis, gegen Spenden oder sehr günstig angeboten. Die eigentlichen Kosten waren dann gefährliches Halbwissen, falsche Annahmen oder Fehleinschätzungen, aber auch Missbrauch oder physische und psychische Schäden bei den Beteiligten. Dass sich hier was ändern musste, war offensichtlich.


Nicht nur einige Serien von Netflix und Amazon (aber sicherlich auch diese) haben dazu geführt, dass das Interesse an fundierten Lehrangeboten zugenommen hat. Es gibt aber auch auf Anbieterseite mehr professionell organisierte Anbieter, die Coaches einladen, regelmäßig qualitative Angebote von verschiedenen Profis anbieten und faire Preise bezahlen. Außerdem hat sich ein unterstützendes Rahmenprogramm entwickelt, wie Netzwerktreffen, Akademien, Training the Trainer Konzepte und mehr. Ob dieser Trend zur Qualität aber langfristig bleibt, wird man sehen müssen, vor allem falls die Preise wegen steigenden Angeboten langfristig fallen sollten.


Back to the basics

Vor Corona waren Workshops häufig in sehr spezifischen Bereichen sehr erfolgreich. Nun scheinen aber vor allem die Basics wieder an Bedeutung zu gewinnen. Dies mag wenig verwundern, wenn man davon ausgeht, dass all jene, die nun keine Online-Workshops besucht haben und sich während Corona auch nicht wirklich weitergebildet haben, nun auf dem Markt nach passenden Angeboten suchen. Die Frage ist, wie es sich in diesem Jahr verhält. Werden nun diejenigen, die die Basics erlernt haben, dabei bleiben und sich weiterentwickeln wollen oder werden wir noch ein oder zwei Generationen an Teilnehmern haben, die vor allem die Grundlagen benötigen. Es bleibt spannend.



Negative Tendenzen und Rückschritte

Aber leider gibt es auch Entwicklungen in die entgegengesetzte Richtung. So nehmen die gemeldeten Übergriffe und Straftaten gegen die LGBT- Community in Berlin zu und erreichen einen neuen Höchststand seit Erfassung (siehe: https://www.welt.de/politik/deutschland/article242497243/Berlin-Queerfeindliche-Uebergriffe-in-der-Hauptstadt-erreicht-neuen-Hoechststand.html). Oder auch das negative Auftreten im Umfeld der OneLove Binde in Katar, welches Sponsoren weiter mit unserem Geld unterstützen, welches wir jedes mal mitbezahlen, wenn wir zu McDonalds gehen oder ein Produkt der Coca Cola Company trinken. Es scheint, dass wir zwar aufschreien, aber nichts tun. Eher so ein Mimimiii.


Aber auch komische Kommentare aus der Szene gegenüber anderen Mitgliedern unserer Szene, muss man leider mit aufführen, wo einzelne Mitglieder Gruppen ausschließen wollen oder anpassen wollen.


Daher sollten wir uns für 2023 vornehmen, uns untereinander zu unterstützen, uns gegenseitig abzustimmen und voranzubringen, um gemeinsam etwas aufzubauen und geschlossen gegenüber Hass und Intoleranz aufzutreten.



Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Was sind deine Erwartungen für 2023? Oder hast du noch etwas anderes, was dich interessiert? Stell mir gerne eine Frage an info@gay-BDSM.club


I wish you a kinky 2023!


Dan



0 views0 comments
bottom of page